contact@ninakreuzinger.com

 

In meinem wilden Herzen © Nina Kreuzinger, Wien 2015 / Performance: Christina Hirt
In meinem wilden Herzen © Nina Kreuzinger, Wien 2015 / Performance: Christina Hirt

 

Von Dornröschen, unangepassten Frauen und „inoffiziellen Töpfen“ in der Förderküche. Gesammelte Gedanken zur Geschlechterlage in der heimischen Filmbranche.

 

Schwierige Themen des kollektiven Unbewussten wurden immer schon in Bilder verpackt. Wie der Verlust der Mutter(göttin) in „Aschenputtel“ oder die Vergewaltigungsgeschichte, die in „Dornröschen“ thematisiert wird. Menschen, die an gegenwärtigen Strömungen mit Bildern und Storys arbeiten, sind zumeist vertrauter mit der Sprache der Symbole – und deren Decodierung. Dennoch sind auch hier klare Worte gut und notwendig. Speziell, wenn es um anhaltende Missstände geht.

 

Darum bemühen sich seit einigen Jahren die Vertreterinnen von FC Gloria, einem Verein für Geschlechtergerechtigkeit in der österreichischen Filmbranche. Anfang Dezember fand wieder eine ganze Veranstaltungsreihe statt, u.a. ein Round Table zu „Wo drückt der Schuh“ und die Podiumsdiskussion „Und hier?“ im Rahmen der Retrospektive „Kathryn Bigelow & Co.“ im Filmmuseum: „über die spezifisch österreichische Situation der letzten 30 Jahre – strukturelle Rahmenbedingungen, konkrete Arbeitsbedingungen, Beschränkungen und Chancen“. Während der Diskurs über filmische Inhalte und Frauenfiguren auch in Männerkreisen schnell durchgedrungen sei, würden Themen rund um Frauen und Geld, Macht, Anerkennung nach wie vor blockiert werden.

 

Kritisch besprochen wurden:

  • die (un)gleichberechtigte Zugänglichkeit zu Fördermitteln: Qualität gelte nicht als erstes Förderkriterium, wahrgenommen würden „inoffizielle“ Fördertöpfe für junge Frauen, „ältere Herren kurz vor der Pension“ und „größere Firmen, die sonst Mitarbeiter kündigen müssen“.
  • die Ausgrenzung von (unangepassten) Frauen in etablierten Strukturen, in Firmen- und Produktionsnetzwerken, Förder- und Archivinstitutionen sowie Hochschulen.
  • die fehlende Sichtbarkeit von Frauen im Rahmen von Filmfestivals, Retrospektiven und Zyklischen Programmen, Thema „Gender-Programming“.

 

Die Veranstaltung fand in Abwesenheit von wesentlichen Vertreterinnen und Vertretern von etwa ÖFI, BKA, MA7, Filmschulen und Akademien statt. Es besteht die Gefahr, dass die Auseinandersetzung mit den Anliegen der Filmfrauen in einer „Blase“ und damit isoliert bleibt. Die Quoten-Diskussion der vergangenen Jahre hatte mitunter zur Folge, dass einige Filmmänner mit Konkurrenz- und Abwehrmechanismen reagierten und die strukturellen Missstände noch stärker bemäntelten. Dabei geht es wohl grundsätzlich um einen systemischen Ausgleich – im besten Fall: zum Wohle aller. Denn gekürzte Förderbudgets und prekäre Arbeitsverhältnisse belasten die Gesamtbranche.

 

Insbesondere im Arbeitsalltag von Frauen kommen weitere Erschwernisse hinzu, wie etwa:

  • Minderbezahlung (meist das „übliche“ Drittel weniger als die männlichen Kollegen, intransparente Honorarsätze u.a. in Bereichen ohne kollektivvertragliche Regelungen, Street Casting, Location Scouting)
  • Ausgrenzung von Frauen in den Spitzenpositionen (etwa in Österreichs gewichtigsten Filminstitutionen)
  • fehlende Sichtbarkeit für Arbeiten in der „zweiten Reihe“ (fehlende Credits, Nicht-Einladung zu Premieren usw.) – und die damit verbundene mangelnde Anerkennung bzw. Ausgrenzung
  • die aktuell kaum realisierbare Vereinbarkeit von Kindern und Karriere, die nach wie vor als reine Privatsache gehandelt wird (bis zu 12-Stunden-Dienste, mitreisende Betreuungshilfen werden vom eigenen Gehalt bezahlt)
  • Schwangerschaft und Babypause als Karriere-Zäsur mit Wiedereinstiegswehen (am Set zu stillen ist nur für wenige möglich)
  • geringere Jobchancen für ältere Frauen (plus: das Thema „Wechseljahre“ als Tabu)
  • Mobbing bzw. unprofessionelle Verhaltensweisen aufgrund Verstrickungen und persönlicher Nahverhältnisse
  • Missbrauch von Machtpositionen, Abwertung (wie etwa die Bezeichnung von Maskenbildnerinnen als „Zupf- und Tupf-Mädels“), Grenzüberschreitungen (sich vor Garderoberinnen unerwünscht gesamtentblößende Schauspieler z.B.) bis hin zu massiven sexuellen Übergriffen.

 

Mit dem Regierungswechsel und Jahreswechsel kündigen sich große Veränderungen an. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, konkret zu werden und proaktiv Lösungsansätze zu entwickeln. Beispielsweise in welchem Rahmen Film-Kindergruppen organisiert werden können. Wo Coaching-Angebote sowie Ombudsstellen eingerichtet werden können. Wie nachvollziehbare Kriterienkataloge und Stringenz bei Positions- und Förderentscheiden umgesetzt und Honorarsätze transparent gemacht werden können. Einzig im Dialog, im konstruktiven Austausch ist es möglich, andere Perspektiven einzunehmen, besser zu verstehen und gemeinsam Positives zu schaffen. (Dezember 2017, Nina Kreuzinger)

 

                                                                 **  **   *  *

Gedanken zur Geschlechterlage in der hei
Adobe Acrobat Dokument 536.2 KB